Die Transportpolizei der ehemaligen DDR.

Remo Kroll

Geschichte der Transportpolizei, Teil 4



In Sachsen-Anhalt wurde im November 1947 die „Aktion 1000“ durchgeführt. Durch eine zeitweilige Einstellung von 1000 Hilfspolizisten, die der Bahnpolizei unterstellt wurden, konnte erreicht werden, dass mehr Kräfte an den Hauptumschlagplätzen und in der Transportbegleitung zur Bekämpfung von Massendiebstählen eingesetzt werden konnten. So gelang es 1947 durch verstärkten Transportschutz, den Verlust an Lebensmitteln auf 0.01 % der Gesamttonnage zu verringern. In Verbindung mit der Schutzpolizei, Gruppen von Diensthundeführern und berittener Polizei der Landesbehörden wurden Maßnahmen gegen gefährdete Bahnanlagen durch intensive Streifentätigkeit zur Bekämpfung der Massendiebstähle und des Schieberunwesens eingeleitet. So wurden beispielsweise Razzien auf den Bahnhöfen durchgeführt.

Im Juli 1947 wurde auf dem Bahnhof Weimar eine Großrazzia durchgeführt, in deren Ergebnis große Stoffmengen aus Sachsen sichergestellt wurden.

Auch zur Erhöhung der Ordnung und Sicherheit im Reiseverkehr mussten durch die Bahnpolizei Maßnahmen eingeleitet und durchgeführt werden. Die Zustände bei der Personenbeförderung waren unhaltbar. Eine Unmenge von Fahrgästen benutzte zum Mitfahren in den Zügen die Trittbretter, die Puffer und die Dächer der Reisewagen.

Im Ergebnis dieser Maßnahmen und der gesamten Tätigkeit der Bahnpolizei konnte der Leiter der Abteilung Eisenbahn- und Wasserpolizei Ende 1947 dem Präsidenten der DVdI berichten, dass die Kriminalität auf Eisenbahngebiet trotz eines verhältnismäßig geringen Personalbestandes und einer kleinen zentralen Leitung mit Erfolg bekämpft werden konnte.

 

Die Sicherung der Eisenbahntransporte durch die Transportbegleitung und Absicherung während der Standzeiten auf den Bahnhöfen entwickelte sich zu einer erstrangigen Aufgabe der Eisenbahnschutz- und Kriminalpolizei.

Die Güterzugbegleitung wurde einheitlich für die gesamte SBZ geregelt. Einheitlich aufgebaute Täter und Tatortkarteien sollten eine weitgehende Übersicht über Täter und Tatorte, die regelmäßig in Erscheinung traten, sichern. Es ging insgesamt darum, wirksamer dafür zu sorgen, dass die erzeugten Produkte auf dem Weg zum Verbraucher nicht in dunklen Kanälen verschwanden, dass der Kampf gegen Schieber und Spekulanten entschiedener geführt wurde und damit gleichzeitig die Rechtssicherheit sowie das Rechtsbewusstsein der Bürger gehoben und ihr Vertrauen in die Polizei gefestigt wurde.

Die Überwachung und Sicherung der von der Reichsbahn zu befördernden Ex- und Importe sowie anderer lebenswichtiger Transporte wurden neu gestaltet und straffer organisiert. Es wurden Leitstellen für die Transportbegleitungen gebildet. Diese Leitstellen hatten in enger Zusammenarbeit mit den Produktionsbetrieben, den Organen der Deutschen Reichsbahn und der deutsch-russischen Transportgesellschaft zu organisieren, dass alle EX-, Import- und Reparationsgüter vom Abgangs- bis zum Bestimmungsbahnhof begleitet und die vollständige Sicherheit dieser Güter gewährleistet wurde. Zu diesem Zweck wurden für alle Transporte dieser Art Begleitkommandos eingesetzt. An die Angehörigen der Bahnpolizei, die diese Begleitkommandos bildeten, wurden hohe Anforderungen gestellt. In einem Erinnerungsbericht von Angehörigen der damaligen Transportleitstelle Leipzig-Plagwitz heißt es:

„Wir übernahmen in der Transportleitstelle Leipzig-Plagwitz die geschlossenen Transportzüge und brachten sie zu den Bestimmungsbahnhöfen. Unser längster Transport Leipzig-Pasewalk dauerte 32 Tage. Durch ständigen Lok-Mangel sowie Schwierigkeiten im Transportablauf wurden unsere Züge, Tage und mitunter auch wochenlang abgestellt. Wir selbst hatten als Begleiter eine ungenügende Ausrüstung und nur wenig zu essen, da die Lebensmittel mitgenommen werden mussten. Die Lebensmittelkarten hatten zu dieser zeit nur auf Kreisebene Gültigkeit.“

Die Bewachung der Transporte vollzog sich unter sehr schwierigen Bedingungen. Oft wurden die Züge auf den einzelnen Bahnhöfen umlagert und nicht selten wurde versucht, die Waggons aufzubrechen.

Von der SMAD und Leitung der DVdI wurde vieles unternommen, um die soziale Lage der Bahnpolizisten zu verbessern. So wurde die Besoldung erhöht, ein Prämiensystem für die Begleitung von Ex- und Importgütern eingeführt und zusätzliche Verpflegung für die Begleitkommandos zur Verfügung gestellt. Weiterhin wurde die Erhöhung des Personalbestandes der Bahnpolizei systematisch realisiert.

Diese Maßnahmen führten zu einer spürbaren Verbesserung der Lebenslage und der Bedingungen für die Dienstverrichtung bei den Angehörigen der Bahnpolizei.

Die Forderungen der SMAD bedingten in dieser Zeit eine Kräfteumgruppierung. Während noch am Anfang des Jahres 1948 ca. 45 % des Personalbestandes der Bahnpolizei im Bahnhofsdienst eingesetzt waren und lediglich 19 % in der Güterzugbegleitung änderte sich dieses Verhältnis zunehmend zu Gunsten der Transportbegleitung. Im September 1948 wurden beispielsweise durch Transportbegleitkommandos 182 Züge, 678 Wagengruppen und 206 Einzeltransporte gesichert. Dazu mussten 34 % aller Kräfte der Bahnpolizei eingesetzt werden. Sie benötigten für diese Aufgabe 271.943 Einsatzstunden. Im November 1948 wurden für die Begleitung von 25.441 Transporten bereits 3.368 Bahnpolizisten benötigt.

 

Im Verlauf des Jahres 1948 konnten in der kriminalpolizeilichen Tätigkeit ebenfalls bedeutsame Fortschritte erreicht werden. Zu Beginn dieses Jahres wurden auf Eisenbahngebiet noch monatlich 8.500 bis 10.000 Straftaten registriert. Im September 1948 war mit 3.887 Straftaten ein enormer Rückgang festzustellen. Dieser Erfolg, Ausdruck sich entwickelnder demokratischer Verhältnisse, war das Ergebnis intensiver kriminalpolizeilicher Arbeit und der sich festigenden Zusammenarbeit mit den fortschrittlichen Kräften der Eisenbahner. Einheitlich aufgebaute Täter- und Tatortkarteien sicherten besser die Aufdeckung und Bekämpfung von Brennpunkten der Kriminalität. Im Oktober 1948 hatte die Eisenbahnkriminalpolizei mit 97 % ihre bisher höchste Aufklärungsquote. Von den 3.713 zu untersuchenden Straftaten wurden 3.600 aufgeklärt. Einen großen Anteil an diesen Erfolgen hatten polizeiliche Aktionen zur Bekämpfung von Diebstählen u. a. Straftaten. Allein im Monat September 1948 wurden 307 Razzien durchgeführt. Dazu waren 1.084 Bahnpolizisten gemeinsam mit 5.000 Angehörigen der örtlichen Polizei und 390 Kräften der Volkskontrolle eingesetzt. Es konnten dabei über 44 Tonnen Kohle, 31 Tonnen Lebens- und Futtermittel, neun Tonnen Industriewaren und über vier Tonnen andere entwendete Güter wiederbeschafft werden. Einen annähernden Überblick über die allgemeine Ordnung auf Reichsbahngebiet gibt die Tatsache, dass im gleichen Monat 10.082 gebührenpflichtige Verwarnungen mit einem Betrag von ca. 24.000 DM ausgesprochen und 1.497 Übertretungsanzeigen aufgenommen wurden.

Die Sicherung der Ernährung und Versorgung der Bevölkerung in der SBZ erforderte die Verschiebung von Lebensmitteln und Gebrauchsgütern nach Westberlin wirkungsvoll zu unterbinden. Die unter aktiver Beteiligung der Bahnpolizei Ende 1948 verstärkten Kontrollen auf den Schienenwegen nach Berlin verhinderten die ungesetzliche Verschiebung großer Menden von Lebensmitteln u. a. Güter. So wurden in einer Dekade durchschnittlich 100 Tonnen Kartoffeln, vier Tonnen Mehl, zwei Tonnen Eier, 850 Kilogramm Fleisch, 650 Kilogramm Butter und viele Gebrauchsgüter sichergestellt bzw. beschlagnahmt.

Diese u. a. Ergebnisse der operativen Tätigkeit bewiesen, dass sich die gesamte Bahnpolizei bereits zu einem zuverlässigen Polizeiorgan entwickelt hatte.